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Weihnachtshund Benny

  • Autorenbild: Karin Alana Cimander
    Karin Alana Cimander
  • 21. Dez. 2025
  • 9 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Dez. 2025

Ausgelassen sprang Benny zwischen den verschneiten Bäumen umher, schnupperte mal hier, mal dort. Oh, es roch überall so interessant! Unaufhörlich vielen dicken Schneeflocken auf sein braunes wuscheliges Fell, er schnappte danach. Der Schnee unter seinen Pfoten knirschte leicht. Übermütig steckte er seine Schnauze hinein und schnüffelte nach Verborgenem. Benny war mit seinem Frauchen Isabel und seinem Herrchen Henry sowie der kleinen Lilly, wie jedes Jahr, in den weiter entfernten Wald gefahren. Hier suchten seine Menschen immer einen Baum aus, den sie dann später im Haus aufstellten und mit nüchtern und bunten Kugeln schmückten. Später lagen dann plötzlich Geschenke darunter. Auch für ihn war immer eins dabei. Leckerchen oder auch etwas zum Spielen. Nachdem der passende Baum gefunden war, wurde er abgesägt und anschließend gut verschnürt auf dem Autodach befestigt. Auf der Rückfahrt lag Benny gemütlich auf dem Rücksitz und ließ sich von Lilly bereitwillig kraulen. Er liebte dieses kleine Mädchen über alles! Sie spielte immer mit ihm und konnte so herrlich lachen, wenn er Kunststückchen machte. Von dem Herumtollen im verschneiten Wald war er sehr müde geworden und schlief unter der sanft streichen Hand des kleinen Mädchens ein. Ihr:

     „Mama, ich muss mal Pipi!“, holte ihn in die Gegenwart zurück.

    „Ich schaue mal, wo ich hier halten kann“, entgegnete Henry und fuhr nach einigen Metern in eine kleine Parkbucht, direkt neben der dunklen, unbeleuchteten Landstraße. Einige Meter entfernt befand sich ein unbeschrankter Bahnübergang. Isabel und Lilly gingen ins angrenzende Gebüsch und ließen die Autotür geöffnet. Die Beleuchtung des Innenraumes spendete so ein wenig Licht. Henry wartete am Steuer. Auch Benny sprang unbemerkt heraus, schnuppert ein wenig und lief Richtung Bahnübergang, angezogen von einem Duft den in die Nase bekommen hatte. Er überquerte die Schienen und lief schnüffelnd weiter. Plötzlich hörte er hinter sich ein Geräusch. An dem Bahnübergang erklang eine laut bimmelnde Glocke und ein Licht blinkte rot auf. Benny erschrak. Dann - donnerte ein Zug heran und ein ohrenbetäubendes, langanhaltendes Tuten erschallte, als dieser den Bahnübergang passierte. Benny hatte keine Ahnung, was das war. Er hatte zuvor noch nie einen Zug gesehen. In Panik geraten, rannte los, weg von dem angstmachenden Ungetüm. Er rannte und rannte, hindurch durch Sträucher, in den Wald, über Wurzeln und Geäst, immer weiter und weiter, bis er nicht mehr konnte. Hechelnd blieb er stehen, schaute sich um und schnupperte. Hier war er noch nie gewesen.  Alles unbekannte Gerüche. Wo war er? Wo waren seine Menschen? Wieder lief er los, schnuppernd, nach Vertrautem suchend. Er versuchte seine eigene Fährte zu finden, den Weg den er gelaufen war. Der Schnee war jedoch inzwischen dicht gefallen und hatte alles bedeckt. Mehrere Stunden irrte er durch den fremden Wald, bis seine Kräfte ihn verließen. Erschöpft, zitternd und frierend, kauerte er sich unter einem Strauch, der jedoch nicht wirklich Schutz bot, da er keine Blätter mehr hatte. Unaufhörlich schwebten dicke Schneeflocken vom Himmel und durchnässten mehr und mehr sein zotteliges Fell. Traurig legte er den Kopf auf seine Pfoten und ein leises Winseln entwich seiner Kehle. Erschöpft schlief er ein.

    Kurz nachdem der Zug den Übergang passiert hatte, waren Isabel und Lilly zum Auto zurückgekehrt. Beim Einsteigen bemerkte Lilly, dass Benny nicht im Innenraum wartete.

     „Papa, wo ist denn Benny?“, hatte sie ihren Vater gefragt, der sich erstaunt umgeschaut hatte.

     „Oh, habe gar nicht gemerkt, dass er rausgesprungen ist“, hatte der entgegnet.

 Sie hatten ihn überall gesucht, immer und immer wieder nach ihm gerufen. Nach zwei Stunden waren sie unverrichteter Dinge traurig weiter nach Hause gefahren. Lilly saß in ihrem Kindersitz und weinte.

    „Zu Hause rufe ich direkt beim Tierheim und der Polizei an“, hatte Henry versucht, seine Tochter zu trösten. „Benny ist gechippt. Wenn er gefunden wird, weiß man, wohin er gehört.“

    „Aber - es ist so kalt und so weit bis nach Hause, der arme Benny!“ Schluchzend hatte sich Lilly immer wieder die Tränen weggewischt. Isabel, die sich neben ihre Tochter gesetzt hatte, nahm sie tröstend in den Arm. Direkt nach der Ankunft zu Hause hatte Henry mehrere Telefonate geführt und dann gemeint:

    „Jetzt können wir nur abwarten und hoffen.“

Die weihnachtliche Vorfreude der ganzen Familie war verflogen.

 

   Als es langsam hell wurde, lief Benny weiter. Er dachte an Lilly, seine Lilly! Und obwohl seine Pfoten eiskalt waren, er vollkommen durchnässt war und fror, gab ihm der Gedanke an Lilly Kraft. Sie ließ ihn weiterlaufen. Nach einiger Zeit gelangte er an eine Straße. Doch - in welche Richtung sollte er laufen? Wieder dachte er an Lilly. Sein Herz wurde ganz warm und es zog ihn nach links. Nachdem er einige Kilometer gelaufen war, erreichte er eine Haltestelle. Seine Pfoten waren inzwischen von dem Streusalz der Straße ganz wund und sein Magen knurrte unüberhörbar. Schnüffelnd suchte er nach Essbarem und fand, hinter dem Haltestellenhäuschen, einen Pizzakarton. Als er ihn endlich aufgerissen hatte, fiel ein kleines Reststück heraus, das er gierig verschlang. Anschließend leckte er noch genüsslich den Karton aus. 

Er folgte weiter der Straße und erreichte nach einiger Zeit eine kleine Stadt. Auch hier war alles fremd. Nichts kam ihm bekannt vor, nichts roch vertraut. In einer überdachten Einfahrt saß ein Mann auf einem Rucksack, der gerade etwas auspackte, dass er in seinen Händen hielt. Salamigeruch stieg Benny in die Nase. Er leckte sich über die Lefzen, ging langsam auf den Mann zu, setzte sich etwa einen Meter entfernt hin und winselte leise. Er hatte solchen Hunger! Erstaunt schaute der Mann, der gerade in sein Brot beißen wollte, auf.

    „Ja, wen haben wir denn da?  Haste auch Hunger?"

 Er brach ein kleines Stück ab und warf es Benny hin, der es gierig hinunter schlank.

    „Mensch, du hast aber Kohldampf! Komm, ich hab zwar nur das kleine Stück Brot. Dann muss das eben für uns beide reichen", fuhr er fort, teilte das Brot und hielt Benny eine Hälfte hin. Der Hund spürte, dass der Mann freundlich war und kam näher. Vorsichtig nahm er das Brot aus der Hand des Mannes und fraß es hastig.

    „Tja, mehr hab ich nicht, mein Kleener. Aber Mensch, du bist ja ganz nass! Wo ist denn dein Herrchen?“ Suchend schaute er sich um, ob sich jemand ihnen näherte. 

    „Biste weggelaufen? Na, erstmal müssen wir dich mal trocken kriegen. Bist ja ganz durchgefroren."

Mit diesen Worten begann er in seinen Sachen zu wühlen und holte kurz darauf einen durchlöcherten Pullover hervor, mit dem er das zottelige Fell trockenrieb. Dann hob er eine Decke hoch und klopfte mit der flachen Hand nehmen sich auf den Boden.

    „Komm, leg dich hier neben mich, dann können wir uns gegenseitig wärmen. Bereitwillig legte sich der Hund neben den netten Mann. Bleierde Müdigkeit überfiel ihn plötzlich. Bevor er einschlief, hörte er noch:

„Ich bin übrigens der Jonas.“ 

    Als er am nächsten Morgen erwachte, hatte Jonas bereits seine Sachen zusammengepackt und in dem Rucksack verstaut. In einer Blechdose, die direkt am Bürgersteig stand, klimperten ein paar Münzen, als Jonas sie aufhob und hineinschaute.

    „Du bringst mir Glück, Kleener“, meinte er lächelnd an Benny gewandt. „So viel hatte ich schon lange nicht mehr. Vielleicht sollte ich dich behalten. Und einen Weggefährten könnte ich gut gebrauchen. Dann ist die Einsamkeit bestimmt erträglicher.“, fügte er melancholisch hinzu. Er kramte in seinem Rucksack und brachte ein Stück Kordel hervor, die er um Bennys Hals legte und eine Art kleine Leine daraus fertigte.

    „Komm, jetzt besorgen wir uns erst einmal etwas zu essen“, meinte er und zog sanft an der Kordel. Benny erhob sich und streckte sich erst einmal. Vom langen Liegen und der Kälte waren seine Gelenke ganz steif. Das Wort Essen kannte und so folgte bereitwillig. Vor einer Metzgerei band Jonas Benny an und betrat den Laden, den er kurz darauf mit einer nach Wurst riechende Tüte wieder verließ. Benny leckte sich erwartungsvoll über die Lefzen.

    „Ja, das riecht gut, was? Komm, wir setzen uns da drüben im Park auf eine Bank und frühstücken erst einmal.“

Kurz darauf öffnete Jonas die Tüte und holte ein Würstchen, ein Brötchen sowie zwei Scheiben Salami heraus.

    „Die Wurst ist für dich“, meinte er und hielt dem Hund die Wurst hin, die dieser vorsichtig in die Schnauze nahm, sich ablegte und zu fressen begann. Jonas nahm das Brötchen, das aufgeschnitten war und legte die beiden Scheiben Salami dazwischen. Genüsslich biss er hinein, während der lächelnd Benny betrachtete. Er fühlte, wie der Hund eine Leere in ihm füllte. Glücklich lächelnd kraulte er das zottelige Fell. Ich glaube, ich werde ihn behalten, überlegte er.    

    Kurz darauf zogen sie weiter. Jonas suchte ihnen einen wettergeschützten Platz, holte eine alte, verbeulte Mundharmonika hervor, setzte sich auf seinen Rucksack und begann zu spielen, während Benny neben ihm auf der Decke lag. Immer wieder warfen Passanten Münzen in die bereitstehende Blechdose. Benny dachte an Lilly und ein leises Winseln entwich ihm. Er sprang auf, wollte loslaufen, Jonas jedoch hielt ihn zurück, band sich die Kordel um das Fußgelenk und forderte den Hund auf sich wieder hinzulegen. Frustriert folgte Benny, jedoch war immer wieder ein leises Winseln zu hören. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit blieb ein ca. fünfzigjähriger Mann vor Jonas stehen, warf einen fünf Euro Schein in die Blechdose und fragte:

„Wissen Sie schon, wo sie in der Nacht schlafen? Es ist stärkerer Frost angesagt. Wenn Sie möchten, können Sie in meiner beheizten Garage übernachten. Ich kann Ihnen auch eine Klappliege in die Garage stellen und wenn Sie wollen können Sie bei mir duschen und zu Abend essen und morgen wieder ihrer Wege ziehen. Ich selbst wohne auch nur in einem kleinen, möblierten Apartment mit Kochgelegenheit, ansonsten könnten Sie auch bei mir übernachten.“

Erwartungsvoll schaute der Fremde den staunenden Jonas an. Dieser nickte zuerst noch sprachlos und erstaunt, entgegnete dann dankbar:

„Ähhmmm ja, sehr gerne, danke, das ist sehr nett von Ihnen.“

„Ist doch bald Weihnachten“, entgegnete der Fremde lächelnd.

Jonas packte seine Sachen zusammen und folgte dem Mann, der sich als Tobias vorstellte.

    Jonas kam sich vor, wie in einem Traum, als einige Zeit später, frisch geduscht, zusammen mit Tobias beim Essen saß. Auf dem Tisch stand ein dampfender Topf mit Gemüseeintopf, daneben lagen Brot und Butter. Für Benny hatte Tobias ein Würstchen klein geschnitten und mit gekochten Kartoffeln und etwas Gemüsebrühe gemischt, was dieser gierig verschlang.

    „Sag mal“, begann Tobias nach einiger Zeit, „wie bist du in die Situation gekommen, auf der Straße zu leben? Es wird ja nicht dein Lebenstraum gewesen sein, denke ich mal“, schloss er und steckte sich ein Stück Brot in den Mund.

    „Tja weißt du“, begann Jonas zögernd, „ich war mal Schreiner, Möbelschreiner. Die Firma, in der ich 30 Jahre gearbeitet habe, ging insolvent. Es gibt zu viele Geschäfte, die billige Möbel anbieten und unsere Schreinerei war nicht mehr wettbewerbsfähig. Ich verlor meinen Job, bekam Depressionen, verlor dadurch auch meine Frau und unsere Wohnung. Ich habe seither einfach nicht mehr die Kurve bekommen und irgendwann habe ich aufgegeben“, endete er traurig. Tobias nickte verständnisvoll.

    „Na, vielleicht schaffst du es ja noch“, meinte er aufmunternd.

   

    „Hund, du bringst mir echt Glück“, murmelte Jonas leise als er später in der Garage einschlief.

Am nächsten Morgen brachen sie wieder auf. Als sie an eine Kreuzung kamen und Jonas nach rechts gehen wollte, dachte Benny wieder an Lilly, sein Herz wurde warm und es zog ihn nach links. Jonas blieb erstaunt stehen.

    „Was ist los, du Streuner?“, fragte er verwundert. Benny ließ sich jedoch nicht beirren, zerrte weiter an der Kordel und bellte. Jonas betrachtete nachdenklich seinen vierbeinigen Begleiter. Eine Ahnung stieg in ihm auf. Seufzend meinte er:

    „Ok, du willst da lang? Na, dann begleite ich dich mal. Bisher hast du mir ja Glück gebracht.“

In den kommenden Tagen geschahen täglich glückliche Fügungen. Jeden Tag gab es Menschen, die sie zum Essen einluden oder ihnen ausreichend Geld gaben. Jeden Tag wurden Übernachtungsmöglichkeiten angeboten. Manche schenken Jonas Kleidung oder warme Schuhe. Er kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

    „Du bist echt ein Glückshund!“, sagte er immer wieder liebevoll und streichelte das zottelige Fell seines Begleiters.

 

    Es dämmerte bereits, als sie am Heiligen Abend, eine kleine Stadt erreichten. Es hatte aufgehört, zu schneien. Der Himmel klarte auf und gab den Blick auf unzählige, blinkende Sterne frei. Viele Fenster waren mit Lichtern geschmückt. In einigen Stuben erstrahlte bereits der Weihnachtsbaum. Jonas wurde traurig und bekam einen Kloß im Hals. Es war schon ein paar Jahre her, als er das letzte Mal Weihnachten gefeiert hatte. Benny wurde plötzlich ganz unruhig, winselte aufgeregt. Erstaunt schaute Jonas auf seinen vierbeinigen Freund, der vehement an der Kordel zog, sodass Jonas ihn kaum halten konnte. Jonas nickte verstehend und schluckte wieder traurig, während er dem Hund folgte. Nachdem sie durch viele Straßen gelaufen waren, zog Benny in eine kleine Einfahrt, auf ein Haus zu, und bellte ohne Unterlass. Jonas leinte ihn ab und blieb am Gartenzaun stehen, während Benny bellend auf die Haustüre zu rannte. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet. Eine erstaunt blickende Frau, an der sich ein kleines Mädchen vorbeidrängte, erschien im Türrahmen.

    „BENNYYYY!, schrie Lilly, stürmte auf den vor Freude winselnden, herum springenden Hund zu und drückte ihn feste an sich. Jonas betrachte das Ganze gerührt und ihm wurde klar, dass es Unrecht gewesen wäre, Benny zu behalten.

  „Oh, Sie haben unseren Hund gefunden! Vielen Dank.“

    „Ja, ist mir zugelaufen“, meinte Jonas nur verlegen und drehte sich zum Gehen um.

    „Halt, Moment, wo wollen Sie denn hin? Kommen Sie doch erst einmal herein.“

    „Ich will nicht stören. Wir haben ja Weihnachten …“

    „Gerade deshalb! Nun kommen Sie schon! Natürlich bleiben Sie zum Essen. Sie müssen uns doch berichten, wo Sie Benny gefunden haben“, entgegnete Isabel entschlossen.

 

Benny lag glücklich dösend unter dem Tisch. Froh, wieder bei seiner Lilly zu sein. Jonas fühlte sich wieder wie im Traum, als er einige Zeit später vor einem duftenden Gänsebraten am Tisch saß. Eine Herzlichkeit, wie sie ihn hier umfing, hatte er lange nicht mehr gespürt. Zuvor hatte er die Möglichkeit gehabt, zu duschen. Henry hatte gefragt, ob er ihm Kleidung von sich geben durfte, da die Männer die gleiche Statur hatten. Isabel hatte angeboten, seine Kleidung in die Waschmaschine zu stecken. Und als Henry ihm anbot, erst einmal bei ihnen im Gästezimmer wohnen zu können und er ihn unterstützen wollte, wieder Arbeit und eine eigene Wohnung zu finden, durchströmte Jonas der Hauch von Weihnachten. Er spürte wieder das Licht und die Liebe, die überall zu finden ist, wenn man sein Herz öffnet und ihm folgt.


Copyright 12/2025 by Karin Cimander



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