Das Gipsbein - aus der Reihe "Körperuniversum"
- Karin Alana Cimander

- 20. Feb.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Jonas wurde im hohen Bogen durch die Luft geschleudert. Gerade hatte er die Straße überquert und fast die gegenüberliegende Straßenseite erreicht, als ihn das Auto erfasste. Geistesgegenwärtig versuchte er sich in eine günstige Abrollposition zu bringen, was jedoch nur mäßig gelang. Als er auf den Straßenbelag aufschlug, war ein lautes Knacken zu hören. Ein unerträglicher Schmerz durchfuhr sein linkes Bein und anschließend seinen ganzen Körper. Verschwommen nahm er kurz darauf Stimmen um sich herum wahr. Benommen hob er den Kopf und schaute an sich herab. Sein linkes Bein lag in einer unnatürlichen Position auf dem Asphalt. Fuck, ging es ihm durch den Kopf. Was ist jetzt mit der Meisterschaft?
„Bleiben Sie ganz ruhig liegen. Der Rettungswagen kommt gleich!“, vernahm er, wie durch einen Nebel. Der pochende Schmerz in seinem linken Bein war unerträglich und es schien eine Ewigkeit vergangen, bis das Martinshorn des Rettungswagens zu hören war. Verschwommen nahm er die Erstuntersuchung des Notarztes und den Transport in die Klinik wahr.
„Sie haben eine Gehirnerschütterung und Frakturen am linken Unterschenkel. Alles Weitere muss in der Klinik abgeklärt werden“, hörte er den Arzt neben sich im Rettungswagen sagen, der seine Vitalwerte überwachte. Das injizierte Schmerzmittel wirkte langsam, wofür Jonas sehr dankbar war. In der Klinik wurden weitere, umfangreiche Untersuchung durchgeführt. Wie durch ein Wunder gab es keine weiteren schweren Verletzungen.
„Wir bringen Sie jetzt gleich in den OP, um ihr Bein zu operieren“, informierte ihn ein Krankenpfleger. Kurz darauf versank Jonas in ein Nichts. Als er erwachte, stand eine OP-Schwester neben seinem Bett.
„Das sind Sie ja wieder!“, meinte sie freundlich lächelnd. „Sie werden gleich abgeholt und auf Ihr Zimmer gebracht“, fügte sie hinzu, während sie aufmunternd seinen Arm drückte. Jonas nickte benommen. Er war unendlich müde und wollte einfach nur schlafen. Im Krankenzimmer angekommen lagerte der Krankenpfleger Jonas Bein etwas erhöht, das auf der gesamten Länge von einem synthetischen Gipsverband umschlossen war. Jonas stöhnte auf.
„Haben Sie noch starke Schmerzen?“, erkundigte sich der Krankenpfleger.
„Nein, es geht. Mir wird nur gerade bewusst, dass ich die Teilnahme an den deutschen Leichtathletikweltmeisterschaften wohl vergessen kann“, wobei er auf sein Bein wies.
„Tja, das sieht wirklich nicht so günstig aus“, gab der Pfleger zu. „Wann sind denn die Meisterschaften und in welcher Disziplin wollten Sie starten?“
„Die Meisterschaften sind in vier Monaten. Ich bin 100 m Läufer. Ich weiß ja gar nicht, ob ich mit dem Bein überhaupt noch Leistungssport ausüben kann“, meinte Jonas resigniert.
„Morgen früh ist Visite. Dr. König hat Sie heute operiert und kann Ihnen morgen mehr dazu sagen. Wenn Sie zur Toilette müssen, klingeln Sie bitte, nicht alleine aufstehen! Sie haben eine Gehirnerschütterung und dürfen mit dem Bein nicht auftreten“, bemerkte der Pfleger und verließ kurz darauf das Zimmer. Die kommende Nacht war geprägt von kreisenden Gedanken und wirren Träumen. Jonas war froh, als am Vormittag Doktor König kam und er die Möglichkeit hatte, seine ihn zermürbenden Fragen zu stellen. Der Arzt schaute in die Patientenakte und richtete seinen Blick auf Jonas.
„Herr Jacobs, Sie haben eine doppelte Unterschenkelfraktur, die wir mit Platten und Schrauben stabilisiert haben. Der Oberschenkelknochen weist einen Haarriss auf. Neben einer Gehirnerschütterung gibt es keine weiteren, schweren Verletzungen. Sie hatten echtes Glück. In den nächsten mindestens sechs Wochen dürfen Sie Ihr Bein nicht belasten, also nur mit Krücken gehen. Anschließende Physiotherapie wird ihren Bewegungsapparat bekräftigen. Wenn es keine Komplikationen gibt, sollten Sie keine bleibenden Schäden zurückbehalten.“
„Herr Doktor, ich bin Leistungssportler, Leichtathlet, Läufer. Kann ich weiter Sport treiben? Ich bin für die deutschen Meisterschaften in vier Monaten nominiert.“
„Also, wenn alles, wie gesagt, gut verläuft, sollte Ihrer Sportkarriere nichts im Wege stehen. Irgendwann müssen die Platten halt noch wieder operativ entfernt werden. Dass Sie bereits in vier Monaten ihr Leistungsniveau erreicht haben, bezweifle ich. Die lange Ruhigstellung und Trainingspause führen zu massiven Muskelabbau“, endete der Arzt bedauernd.
Als Jonas kurze Zeit später wieder alleine war, brachen sich Verzweiflung, Traurigkeit und Hilflosigkeit bahn, in dem Gefühl der Machtlosigkeit und des Ausgeliefertseins. Ich war gut, auf meinem höchsten Leistungsniveau überhaupt. Ich hatte gute Chancen auf eine Medaille. Und jetzt? Jetzt ist alles dahin. Alles, wofür ich gearbeitet und gekämpft habe, hat sich in Schall und Rauch aufgelöst. Er drehte den Kopf zur Wand, damit niemand seine aufsteigenden Tränen sah.
Ein paar Tage später wurde Jonas entlassen. Sein bester Freund und Sportkamerad Tobias holte ihn ab. Zuvor hatte er Jonas angeboten die nächsten sechs Wochen, bis der Gips wieder abgenommen wurde, bei ihm zu wohnen. Jonas konnte in seinem Zustand weder einkaufen noch kochen. Tobias hat eine große Parterrewohnung mit Gästezimmer und freute sich über die Gesellschaft seines Freundes. Jonas hatte nach einigen Überlegungen das Angebot seines Freundes angenommen. Als sie kurze Zeit später im Auto saßen, blickte Tobias zu Seite. Jonas saß zusammengesunken, trübsinnig vor sich hinstarrend, auf dem Beifahrersitz.
„Was ist los, Alter? Bist du nicht froh, dass du endlich aus der Klinik rausgekommen bist? Wirst sehen, wir machen uns jetzt gute Zeit!“, meinte er aufmunternd.
„Ich denke an die Meisterschaften. Die kann ich jetzt wohl vergessen! Mann, ich habe so viel trainiert und meine Zeiten waren traumhaft. Ich hätte bestimmt eine Medaille holt. Und jetzt - jetzt schrumpfen meine Muskeln in dem Ding zu einer Spaghetti“, dabei klopfte er missmutig auf den Gipsverband.
„Menschen, sei froh und dankbar, dass bei dem Unfall nicht mehr passiert ist. Und das mit deiner Muskulatur kriegen wir hin“, entgegnete Tobias mit einem geheimnisvollen Unterton.
„Wie meinst du das?“
„Erzähl ich dir zu Hause“, entgegnete der Freund vielsagend schmunzelnd. Jonas schüttelte den Kopf. Was hatte der jetzt schon wieder für Ideen? In Tobias Wohnung angekommen half er seinem Freund beim Auspacken und richtete ihm im Wohnzimmer eine gemütliche Sitzgelegenheit her, wo Jonas das verletzte Bein hochlagern konnte.
„Hast du Hunger? Wollen wir uns Pizza in den Ofen schieben?“ Als Jonas nickte, hatte Tobias in Windeseile die Verpackungen entfernt und die Pizzen in den Backofen geschoben.
„Was hast du erst damit gemeint `das mit der Muskulatur kriegen wir ihn`?“ Seit der Bemerkung seines Freundes ließ ihn die Andeutung nicht mehr los, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, was damit gemeint war.
„Ich habe, als du im Krankenhaus warst, ein wenig recherchiert und mit einem sehr interessanten Therapeuten gesprochen. Dieser hat mir einen Bericht von einem Sportler aus den USA geschickt. Dieser Sportler hatte, genau wie du, vor zwei Jahren eine schwere Beinverletzung und wurde dadurch ebenfalls aus seinen Wettkampfvorbereitungen gerissen. Es gab in den USA ein Projekt* mit Olympiateilnehmern, bei denen man festgestellt hat, dass, wenn diese nur mental ihren Wettkampf bestreiten, sich es also nur vorstellen, ihre Körper genauso reagierten, als würden sie den Wettkampf aktiv bestreiten. Die Herzfrequenz stieg, sie begannen zu schwitzen, und - ihre Muskeln reagierten ebenfalls. Der erwähnte verletzte Sportler hat während der gesamten Genesungsphase mit seinem Gipsbein, exakt das praktiziert! Er hat jeden Tag mehrere Stunden trainiert! Als ihm der Gips abgenommen wurde, war die gesamte Muskulatur vollkommen ausgebildet. Keine Spaghetti!“, endete Tobias augenzwinkernd. Jonas schaute seinen Freund und ungläubig an.
„Und das soll klappen?“
„Was hast du zu verlieren? Ein Versuch lohnt sich doch, oder?“ Jonas nickte. Er würde alles tun, um doch noch an den Meisterschaften teilnehmen zu können!
In den kommenden sechs Wochen „trainierte“ Jonas mehrere Stunden täglich. Er stand in den Startlöchern, mit einer zum Explodieren bereiten Körperspannung. Der Startschuss fiel, er schoss nach vorne, spürte, wie seine Gesäß- und Oberschenkelmuskeln ihn nach vorne katapultierten. Er schwitzte, sein Atem ging schnell und flach, den Blick auf das Ziel gerichtet. Er schoss darüber hinaus und die Spannung wich aus seinem Körper. Immer und immer wieder „lief“ er seine 100 m Bahn. Er stellte erstaunlicherweise fest, dass er sich von Tag zu Tag wohler fühlte.
Als der Gipsverband nach sechs Wochen entfernt wurde, trafen Jonas die erstaunten Blicke des Arztes. Das Bein sah gesund und kräftig aus!
„Wenn ich‘s nicht besser wüsste, könnte man glauben, Sie hätten für die Meisterschaft trainiert“, meinte der Arzt verwundert, sich das, was er sah, nicht erklären könnend.
„Hab ich auch!“, entgegnete Jonas schmunzelnd.
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*Anmerkung:
Das erwähnte Projekt gab es in den 1990er Jahren in den USA wirklich.





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