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Der Arschengel von nebenan - aus der Reihe "Körperuniversum"

  • Autorenbild: Karin Alana Cimander
    Karin Alana Cimander
  • 4. Feb.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Feb.

Mit einem lauten Knall schloss Luisa ihre Wohnungstür. In einem Streit hatte sie ihren Nachbarn angebrüllt und dann vor seiner Nase die Tür zugeschlagen.

    „So ein blödes Arschloch!“, entwich es ihr barsch.

Sie bewohnte in einem zwölf Parteienhaus, in der zweiten Etage eine schöne Zweizimmerwohnung. Wegen einer Banalität war sie mit ihrem Nachbarn, Herrn Turin, aneinandergeraten.

Es ging lediglich um den Schneeräumplan, einer vom Vermieter festgelegten Reihenfolge, wer wann für sichere Gehwege, um das Haus herum, verantwortlich war. Am Vortag hatte Luisa Schnee schippt und anschließend, da tageweise gewechselt wurde, ihrem Nachbarn den kleinen Anhänger, der neben dem Plan im Keller als zusätzliche Erinnerungshilfe von Tür zu Tür wanderte, an den Knauf der Wohnungstür gehängt. Gerade hatte es bei Luisa geklingelt, worauf sie ahnungslos, was kurz darauf auf sie einstürzen würde, die Tür geöffnet. Herr Turin hatte vor ihr gestanden, mit vor Wut puterrot angelaufenem Gesicht, beide Hände in die Seiten stützend.

    „Haben Sie mir den an die Türe gehängt?“, hatte er los gebrüllt und dabei mit dem Anhänger herumgewedelt. Luisa hatte zuerst gar nicht gewusst was er wollte und verständnislos mit „Ja“ geantwortet.

    „Ich habe schon geschippt, vor zwei Tagen! Was glauben Sie eigentlich wer sie sind, bestimmen zu wollen, was ich zu tun habe?“, hatte er weiter gebrüllt, wobei an seinen Schläfen die Adern sichtbar pochend hervorgetreten waren, und ihr den Anhänger für die Füße geworfen. Es war nichts Neues, dass Herr Turin eine persönliche Auslegungs- und Handlungsweise, die Reinigung- und Pflegevorgaben des Vermieters betreffend, hatte und dementsprechend nach eigenem Ermessen handelte. Luisa hatte versucht ruhig zu erklären, dass, laut des Plans, er an der Reihe wäre, was die Aggression des Nachbarn nur weiter angefeuert hatte. Ihr überhaupt nicht mehr zugehörend hatte er sich vor Wut nur weiter in Rage geredet. Auch Luisa war daraufhin lauter geworden. Ein Wort hatte das andere ergeben. Als er sie dann als „Blöde Ziege“ titulierte, hatte Luisa, weil sie keinen anderen Ausweg gesehen hatte, die Tür zugeschlagen.

    Wutschnaubend schleuderte sie den Putzlappen, den sie gerade in den Händen hielt, in das Becken der Küchenspüle. Die Wut, die sie beherrschte, war unbeschreiblich. Das Gefühl, einen ganzen Wald zu Brennholz verarbeiten zu können, durchströmte sie wieder und wieder. Sie spürte, sie musste sich bewegen und holte ihr Trampolin und die Gymnastikmatte hervor. Über eine Stunde powerte sie sich aus, bis es in ihr wieder ruhiger wurde. Verschwitzt ging sie ins Bad, und drehte den Warmwasserkran der Dusche auf. Das warme Wasser umschmeichelte ihren Körper und ließ so die letzten, noch vorhandenen Spannungen abfließen. Nachdem sie sich wieder angekleidet hatte, breitete sie sich einen warmen Kakao zu, mit dem sie sich auf ihr bequemes Sofa zurückzog. Die erlebte Situation noch einmal reflektieren, spürte sie, wie, ganz leicht, wieder Wut in ihr aufstieg, und sie schüttelte den Kopf. Nicht über die ihr unverständliche Reaktion ihres Nachbarn, sondern auch über sich selbst. Nie hätte sie gedacht, dass sie jemals noch einmal so wütend werden könnte. Auf eine nicht zu erklärende Art erschreckte Luisa ihre eigene Wut, wähnte sich doch bereits fern solcher emotionalen Reaktionen.

    In der kommenden Nacht schlief sie sehr unruhig und hatte wirre Träume. Sie träumte von ihrem cholerischen Vater, wie er sie als Kind angebrüllt hatte und wie hilflos ohnmächtig sie sich damals fühlte. In einem weiteren Traum war Luisa vielleicht sieben Jahre alt. Ihre drei Jahre ältere Schwester ärgerte sie. Ganz leise provozierte sie Luisa, bis diese sich lautstark und jähzornig werte, sich hilflos den Sticheleien ausgesetzt fühlend. Sie warf Gegenstände nach ihrer Schwester, die, als diese getroffen wurde, zu heulen begann, was ihre Eltern auf den Plan rief und Luisa bestraft wurde, während ihre Schwester schadenfroh grinste. Auch dieses Bild verblasste und ein weiterer Traum zeigte sich. Luisa stand vor ihrem früheren Vorgesetzten im Callcenter, der sie, nach allen Regeln der Kunst, lautstark niedermachte. Sie hatte die Zeitvorgaben wieder nicht eingehalten, hatte länger mit Kunden gesprochen, als kalkuliert war. Jedes Gespräch durfte lediglich 180 Sekunden dauern, und das in einer Reklamationsabteilung! Luisa war in Tränen ausgebrochen.

    Schweißgebadet schreckte sie hoch. Ihr Puls raste, die Atmung ging flach, ihr Körper war vollkommen angespannt. Verwirrt stand sie auf, um etwas zu trinken und die Spannung aus dem Körper loslassen zu können. Wieder mit einer Tasse warmen Kakao in den Händen, kauerte sie kurze Zeit später, mit angezogenen Beinen in eine Decke gehüllt, in ihrem Lieblingssessel und ließ die Träume Revue passieren. Sie erkannte plötzlich, dass alle Träume das gleiche Thema enthielten. Jedes Mal ging es um Gefühle von Machtlosigkeit, Autoritären und aggressiven Personen gegenüber, um Hilflosigkeit und um das sich ausgeliefert Fühlens. Luisa nahm einen Schluck und spürte, wie die warme Flüssigkeit angenehm durch ihre Kehle rann. Wieder stiegen die alten Gefühle auf und sie nickte. Ja, das war es wohl! Längst vergessene, alte Geister meldeten sich und wollten wahrgenommen werden.

Luisa hatte von einer Freundin eine Methode gelernt, die ihr jetzt einfiel. Nachdem sie die Tasse in die Küche zurückgebracht hatte, setzte sie sich entschlossen wieder in ihren Sessel und schloss die Augen. Nachdem sie ein paar Mal ruhig und tief ein- und ausgeatmet hatte, ließ sie die erste Erinnerung aufsteigen. Ihr Vater brüllte auf sie herab, sie fühlte die Angst und Ohnmacht von damals. Nach einem kurzen Moment ließ sie die Situation, und die sie ärgernde Schwester stand vor ihrem geistigen Auge vor ihr. Wieder verfolgte Luisa das Geschehen, spürte die Gefühle von damals. Auch diese Situation ließ sie kurz darauf los und ließ die dritte Szene aufsteigen. Wieder nahm sie wahr und fühlte. Wieder ließ sie los und rief innerlich eine Situation, in der alles in Ordnung war, wo es keine Angst, kein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit gab. Sie nahm sich wahr, als eine junge Frau in einer Familie, in der sie unendlich geliebt wurde, wo jedermann sie schätzte für das, was sie tat, wer und wie sie war. Ein Blick in ein anderes Leben, eine andere Inkarnation. Luisa spürte unendliche Glücksgefühle, Dankbarkeit und Freude. Sie fühlte sich geborgen und geliebt. Einige Zeit verweilte sie in diesem unbeschreiblich wundervollen Zustand. Dann schaute sie, wie auf einem Zeitstrahl, zurück auf die drei Situationen. Sie hatten sich gewandelt! Aus den traumatischen Erlebnissen waren wertschätzen Situation entstanden. Dann rief sie das „was wäre, wenn“ ihres Lebens auf den Plan. DIE Zukunft, die sich wünschte, den perfekten Zustand. Sie spürte ihre Präsenz, eine Präsenz, die sie nie zuvor erfahren hatte. Eine innerliche Stärke, die nichts aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Wie im Auge eines Hurrikans herrschte vollkommene Ruhe in ihr, die nichts stören konnte, egal, was im Außen geschah. Ein tiefer, innerer Frieden durchströmte sie, verbunden mit Freude und Leichtigkeit. Sie betrachtete, fühlte und gab sich dem hin. Dankbar und glücklich atmete nach einiger Zeit tief ein und aus, bevor sie wieder ihre Augen öffnete. Mit dem tiefen Bewusstsein, dass die Situation mit ihren Nachbarn nur eine Art Weckruf für ihre tief vergrabenen Themen gewesen war, kehrte sie lächelnd und befreit in ihr Bett zurück und fiel in einen tiefen erholsamen Schlaf.

Das Verhältnis zwischen Luisa und Herrn Turin besserte sich merklich. Traf er Luisa, grüßte er nun freundlich, was früher undenkbar gewesen wäre. Luisa lächelte jedes Mal still vor sich hin, sich bewusst seiend, sich selbstverantwortlich mit den sie peinigenden, alten Gespenstern auseinandergesetzt zu haben. Sie hatte sie angeschaut, angenommen und losgelassen. So konnte Wandlung geschehen.


copyright 02/2026 by Karin Cimander



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