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Die Ent-Scheidung (aus der Reihe "Körperuniversum")

  • Autorenbild: Karin Alana Cimander
    Karin Alana Cimander
  • 6. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. Mai

Tina drückte auf den Senden-Button, legte ihr Handy beiseite und atmete tief ein und aus. Es fühlte sich gut an, fühlte sich richtig an. Sie lächelte, als Leichtigkeit sie durchströmte. Gerade hatte sie eine Tür geschlossen, etwas beendet, das sich schon seit einem Jahr nicht mehr stimmig angefühlt hatte. Es hatte ganz leise an ihr genagt. Tina hatte es jedoch immer wieder weggeschoben, es verdrängt, weil sie Angst hatte. Angst, vollkommen alleine, ohne persönliche, soziale, vertraute Kontakte zu sein. Doch nach dem letzten Treffen vor zwei Tagen war der innere Ruf unüberhörbar geworden.

 

    Sie war acht Jahre Teil eines spirituellen Gesprächskreises gewesen. Zuerst fanden die Treffen nach Ladenschluss in einem kleinen Esoterikladen statt, der Danni gehörte. Monatlich wurde ein Thema aufgegriffen, über das gefachsimpelt wurde. Die Teilnehmer wechselten hin und wieder, ein fließender Prozess von Interessierten, ein Kommen und Gehen von Energien. Es bildete sich jedoch auch ein konstanter Kern, der sich nach der C-Zeit in den Privaträumen von Gunda traf, da der kleine Laden sich in der C-Zeit existenziell nicht halten konnte.

    Gunda hatte ein großes Haus. Ein großer Raum wurde das neue Domizil der Gruppe. Sie bestand nun aus sieben Leuten: Drei Männern und vier Frauen. Danni, eine großgewachsene, kräftige Frau, deren graue Haare bis an ihr Gesäß reichten und die Expertin im Kartenlegen war. Chrissi, eine schlanke Frau, die manchmal in einer anderen Welt zu leben schien und Stimmungen oft als Farben wahrnehmen konnte. Timo, ihr Partner, ein eher schmächtig wirkender Mann mit Schnäuzer und einer Liebe für Antiquitäten, im Besonderen für alte Waffen. Tom, war großgewachsen, mit warmen, freundlichen Augen und Klangtherapeut. Rico, ein rundlicher, witziger Typ mit einem gepflegten Vollbart, der Tina immer an den Schauspieler und Comedian Dirk Bach erinnerte. Gunda schien auf den ersten Blick etwas aus dem Rahmen zu fallen, da sie sich selbst als nicht spirituell bezeichnete und Dinge immer versuchte, mit dem rationalen Verstand zu erklären. Tina spürte jedoch so manches Mal, dass dies eine Schutzfassade war, wovor auch immer. Tina selbst hatte eine schamanische Ausbildung und früher Menschen begleitet.

Neben den monatlichen Treffen unternahmen sie gemeinsam auch andere Aktivitäten, wie beispielsweise eine Fahrt zu den Externsteinen, Besuche in Kunstausstellungen und auf Mittelaltermärkten. Sie verstanden sich wirklich gut, feierten auch einmal gemeinsam Silvester – ein Abend voller Lebensfreude und Lachen, der erst um 4:00 Uhr morgens des neuen Jahres endete. Danni, Chrissi und Tina fuhren einmal gemeinsam ein paar Tage nach Holland in den Urlaub. Es war eine tolle Zeit mit viel Spaß. Tina hatte damals gesagt:   

„Am liebsten würde ich mit euch allen zusammen wohnen!“

Und - sie überlegten alle ernsthaft, dies in die Tat umzusetzen. Alles schien perfekt.

 

Mit der Zeit begann sich jedoch etwas zu verändern, als sie sich monatlich bei Gunda trafen. Es war ein leiser, kaum spürbarer, schleichender Prozess, den Tina wahrnahm. Spirituelle Themen schienen immer mehr in den Hintergrund zu rücken. Nicht immer, jedoch stetig, wie das Leck in einem Behälter, aus dem Tropfen für Tropfen des Inhalts entwich. Tina schien jedoch die Einzige zu sein, die es wahrnahm. Als sie es ansprach, schauten die anderen sie nur verständnislos an.

 

Der Raum, der früher von tiefen, bereichernden Gesprächen erfüllt gewesen war, wurde von einer Energie eingenommen, die Tina als unangenehm empfand. Themen wie Politik, gewalttätige Ausländer und die „ach so schlechte Welt“ bahnten sich den Weg in den Raum und wurden hitzig diskutiert. Für Tina fühlte es sich an, als breite sich ein schwerer, alles erstickender Nebel im Raum aus. Schon als Kind konnte sie Energien auf diese Weise wahrnehmen, wenn ihre Eltern stritten und teilweise wochenlang nicht miteinander sprachen. Es fühlte sich wie Ersticken an, ein Druck auf der Brust, der das Atmen schwer machte.

Tina versuchte immer wieder, dagegenzuwirken, was meistens auch gelang, jedoch energiezehrend war.

 

    Vor einem Jahr hatten sie ihre Treffen in Tinas Wohnung verlegt, da Gunda ihr Haus verkaufen wollte und begann, es zu entrümpeln. Es war für Tina o. k. gewesen. Sie spürte jedoch, dass der schwarze Nebel nach manchen Treffen in ihrer Wohnung blieb und räucherte mit weißem Salbei. Es trat das erste Mal ganz konkret in ihr Bewusstsein, dass diese, ihr bisher so vertrauten Menschen nicht mehr in ihr Leben passten. Es fühlte sich plötzlich falsch an. Bei dem Gedanken, sich von den sechs abzuwenden, stieg Angst in ihr auf.   

„Wenn du dich von denen trennst, hast du gar keine persönlichen Sozialkontakte mehr. Du wärst vollkommen alleine und so schlimm ist es doch auch nicht“, flüsterte ihr Denker. Tina hatte innerlich genickt. Sie mochte sie auch alle, auf ihre Weise.

 

    Vor zwei Tagen war das letzte Treffen gewesen. Tina war zu Beginn noch ein wenig hin und her geeilt, als sie die Worte von Danni beim Rausgehen vernahm:

    „Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber die vergewaltigen unsere Frauen …!“

Tiefe Verachtung, ja gefühlt auch Hass, lag in den Worten. Tina hörte nicht weiter zu. Sie eilte in die Küche und atmete tief durch. Ein tonnenschwerer Panzer schien sich auf ihre Brust gelegt zu haben. Der ganze Abend war immer wieder von negativen Themen durchwoben, bis Tina entschlossen sagte:    „Also, ich muss euch jetzt mal was sagen. Ihr redet fast den ganzen Abend über Negatives. Das ist echt gruselig!“

Für einen kurzen Moment herrschte Stille, begleitet von den Blicken der anderen, die sich verständnislos anschauten. Danni ergriff als Erste das Wort:

    „Naja, wir reden halt nicht mehr so viel über Spiritualität, weil es ja nicht mehr so viel Neues gibt!“

Tina schaute sie verständnislos an. Gerade in der aktuellen Zeit, in der sich bei jedem energetische Räume in neue Bewusstseinsfelder öffneten, gab es nichts Neues? Das ist Stillstand!, durchfuhr es sie so klar, als fielen alte Schleier, die sie bisher nicht wahrgenommen hatte, ihr Bauch jedoch schon lange signalisierte.

    „Ich habe noch einen Beitrag über Bewusstseinsfelder“, warf Tina ein. Ein zustimmendes, interessiertes, erleichtertes Nicken war die Antwort der Gruppe. Es fühlte sich für Tina an, als hätte man Kinder zuvor bei einem verbotenen Spiel ertappt und sie nun froh waren, dass es nicht weiter thematisiert wurde. Nach dem Anhören des Beitrags unternahmen sie noch eine gemeinsame Trommelreise, ein früher regelmäßiger Anteil des Abends, der jedoch in den letzten Monaten auch immer mehr in den Hintergrund getreten war. Danach lag wieder eine leichte, lichtvolle Energie im Raum, die alle sichtlich genossen.

 

Und trotzdem – in Tina stieg wieder die tiefe Erkenntnis auf – es passt nicht mehr! Es ist nicht mehr stimmig! Und plötzlich war die Stimme, die sie noch vor einem Jahr vor Isolation und Einsamkeit gewarnt hatte, verschwunden, hatte keine Macht mehr. Tina spürte, dass sie in der vorherrschenden Situation nicht wachsen, sich nicht ausdehnen konnte. Es würde Stillstand bedeuten! Tiefer innerer Frieden und ein klares Wissen, dass etwas Neues auf sie wartete, durchströmten sie.


Und so hatte sie ihr Handy zur Hand genommen und eine Sprachnachricht in die Gruppe geschickt, in der sie ihr Ausscheiden mitteilte. Es fühlte sich wundervoll an! Freiheit und Leichtigkeit durchströmten sie, die sie gerufen hatten, jedoch bisher ungehört verhallt waren. Den schweren Mantel, der ihr schon lange nicht mehr passte, hatte sie abgelegt. Schuhe, die sie lange über ihre Wege getragen hatten, ihr Halt gegeben hatten, waren ausgetreten, passten nicht mehr. Sie ging nun barfuß weiter.

Das Portal zu einem Raum, einem Feld hatte sich in ihr geöffnet, das sich einerseits neutral und leer anfühlte, gleichzeitig jedoch multiple Möglichkeiten des Universums in sich trug. Absolute Stille, wie im Auge eines Hurrikans, umgab sie. Tiefer Frieden, Glück und eine neutrale, jedoch alles umfassende Form von Liebe durchströmten sie. Staunend, von tiefer Freude erfüllt und von einem nicht in Worte zu fassenden Urvertrauen durchdrungen, gab sie sich dem hin. Es gab kein Wollen mehr, nur noch ein Sein. Sie WUSSTE, ALLES würde nun im richtigen Moment zu ihr fließen.

Und da war noch etwas anderes – eine tiefe Dankbarkeit für die Menschen, denen sie gerade den Rücken gekehrt hatte. Durch ihr Sein hatten sie ihr den Weg zu sich selbst und zu ihrem Urvertrauen gewiesen, einen Boden bereitet, auf dem sie nun neue Samen säen konnte.

Es fühlte sich an wie ein tiefes Ankommen, wie ein Neugeborenwerden in sich selbst.


Copyright 05/2026 by Karin Cimander



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