Der Ruf des inneren Kindes (aus der Reihe "Körperuniversum")
- Karin Alana Cimander

- 22. Mai
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Mai
Katja stand vor dem großen Spiegel im Bad, der fast die gesamte Wand über den beiden Waschbecken bedeckte. Innerlich vollkommen aufgewühlt betrachtete sie sich. Sie schaute in ein Gesicht, das ihr plötzlich fremd erschien. Eine Maske, die ihr Leben lang etwas verborgen hatte, das sich heute aus dem Vergessenen, dem Unbewussten, den Weg ins Licht, ins Bewusstsein gebahnt hatte. Ihr gesamtes Sein, ihr gesamtes Leben schien ins Wanken geraten zu sein.
WER bin ich und – WAS bin ich?, fragte sie sich, während sie sich in die Augen blickte. Sie wusste es nicht. Abscheu stieg in ihr auf. Abscheu gegen sich selbst und die Gefühle, die sie beherrschten. Gefühle, die Panik auslösten, weil Katja sich selbst nicht mehr erkannte. Sie verachtete sich und hätte sich am liebsten angespuckt.
Dabei hatte alles ganz harmlos begonnen. Vor einem Jahr entschloss sie sich, etwas für ihre Gesundheit zu tun, und meldete sich zu einem Yogakurs an. Als sie am ersten Kurstag den Übungsraum betrat, wurde sie von Gisa, einer Frau Mitte vierzig, begrüßt. Sie hatte schulterlanges, dunkelblondes Haar. Ihre blaugrauen Augen blickten freundlich, strahlten jedoch gleichzeitig auch eine gewisse Distanziertheit aus. Irgendetwas irritierte Katja an Gisa, ohne dass sie dies hätte benennen können. Gisa begann jede Kursstunde mit einer kleinen Geschichte; meist waren es indische Fabeln, die tiefere Weisheiten in sich trugen. Katja war von diesen Geschichten fasziniert und spürte das Bedürfnis, sich mit Gisa über die Erkenntnisse auszutauschen, die in ihr aufstiegen. Gisa zeigte sich offen, und sie sprachen nach den Stunden eine kurze Zeit miteinander. So suspekt Gisa ihr zu Beginn gewesen war, so sehr fühlte Katja nun eine tiefe Vertrautheit zu ihr. Und dann, nach einem halben Jahr, geschah es. Es war wie ein Blitz aus dem Nichts, eine Tsunamiwelle, die Katja überrollte, ihr den Atem nahm und ihr gesamtes Sein infrage stellte. Sie hatte sich in Gisa verliebt!
Mit wieder aufsteigender Abscheu betrachtete sie ihr Spiegelbild. Sie war verheiratet. Ihre Kinder waren sieben und zwölf Jahre alt. Unwillig schüttelte sie den Kopf. Dieses wundervolle, berauschende Gefühl – es durfte nicht sein. Niemals!
Katja kerkerte es ein, verbarg es hinter dicken Mauern. Gleichzeitig fragte sie sich, wie es überhaupt geschehen konnte. Sie dachte an ihre Kindheit. Als Kind hatte sie sich wie ein Junge gefühlt, hatte sich gerauft, war auf Bäume geklettert und kam abends dreckverschmiert, oftmals mit zerrissener Kleidung, jedoch glücklich nach Hause. Ihre Eltern hatten dafür kein Verständnis. Oft wurde sie geschimpft. Katja verstand nicht, warum die anderen sie als falsch, als nicht richtig ansahen. Später, als Teenager, war ihr Interesse an Jungen eher freundschaftlicher Natur. Mit sechzehn verliebte sie sich unsterblich in ihren Ausbilder. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich schon oftmals gefragt, ob irgendetwas mit ihr nicht stimmte. Mick begegnete sie, als sie zweiundzwanzig war. Tiefe Vertrautheit verband sie beide sofort. Katja fühlte sich angekommen, angenommen, gesehen, wie sie war. Zwei Jahre später heirateten sie, und ihre Kinder wurden geboren.
Und nun stellte sie ihr gesamtes Sein infrage. Was ist los mit mir? Bin ich bi oder lesbisch? Der Identitätsverlust grub tiefe Furchen in ihre Seele. Fest entschlossen, sich gegen dieses Liebesgefühl zu wehren, stürzte sie sich in den Alltag.
„Ich kann da nicht mehr hingehen!“, sagte ein Teil von ihr. Das Gefühl der Sehnsucht jedoch spülte diese Gedanken fort. Katja glaubte, es beherrschen zu können. Es reichte ihr, in Gisas Nähe zu sein – so glaubte sie zumindest. Etwas in ihr wollte jedoch mehr als nur die kurzen Gespräche zum Kursende. So fand Katja neue Anlässe, ihre gemeinsame Zeit zu intensivieren. Sie lieh sich Bücher von Gisa aus, in denen es um erweiterte Blickwinkel ging. Katja war fasziniert, hatte weiteren Gesprächsbedarf, und so kam es, dass Gisa und sie sich zu Spaziergängen trafen. Es war eine Zeit tiefer Gespräche und vertrauter Nähe. Katja spürte jedoch, dass es ihr zunehmend schwerfiel, sich Gisa gegenüber neutral zu verhalten. Das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen, sie zu küssen und ja, auch mit ihr zu schlafen, verstärkte sich mehr und mehr, obwohl sie nicht wusste, wie Letzteres überhaupt zu praktizieren wäre. Sie verachtete sich dafür und kämpfte weiter dagegen an. Gisa spürte Katjas zeitweise Bedrücktheit und sagte:
„Du kannst mir alles erzählen. Ich kann damit umgehen. Du könntest mir auch einen Mord gestehen. Es wäre für mich nicht relevant.“
Genau DAS kann ich dir nicht erzählen, dann verliere ich dich, dachte Katja und schwieg. Gisa thematisierte es nicht weiter.
Dann, nach einem Jahr, konnte Katja nicht mehr. Die Belastung war unerträglich geworden. Sie bat Gisa um ein Gespräch. Mit einer dampfenden Tasse Tee in den verkrampften Händen saß sie ein paar Tage später in Gisas Wohnzimmer und gestand mit gesenktem Blick ihre Gefühle. Nachdem Katja geendet hatte, entstand eine Stille - für Katja unerträgliche Sekunde ungeheurer Anspannung. Gisa schaute sie ruhig an.
„Ich kann deine Gefühle nicht erwidern“, begann sie. „Ich kann dir jedoch weiterhin meine Freundschaft anbieten“, erklärte sie mit ruhiger, klarer Stimme. Katja nickte dankbar.
Später konnte sie nicht mehr konkret sagen, wie es ihr gelang, wirklich nur Freundschaft mit Gisa zu leben. Das Gefühl der Liebe schien jedoch mehr und mehr zu verblassen. Wochen und Monate vergingen.
Es war ein leiser und schleichender, kaum wahrnehmbarer Prozess. Gisa wirkte zunehmend in sich gekehrt und suchte immer öfter Katjas Nähe. Katja bemerkte es, dachte sich jedoch nichts dabei. Für sie war alles gut, so wie es war.
Dann kam der 23. Dezember. Gisa plante, über Weihnachten und Neujahr einen Kurzurlaub in einem Schneegebiet zu verbringen. Sie schaute bei Katja vorbei, die gerade mitten in den Weihnachtsvorbereitungen steckte, um sich zu verabschieden. Als Gisa ging, sagte sie, bevor sie die Tür hinter sich zuzog:
„Ich liebe dich.“
Katja blickte wie erstarrt auf die geschlossene Tür. Scheiße, dachte sie, was habe ich getan? Die Erkenntnis traf sie hart und löste Schuldgefühle aus. Es wurden die schlimmsten Weihnachten ihres Lebens. Wie in Watte gepackt nahm sie das Geschehen um sich herum wahr. Die kommenden Tage zogen sich endlos dahin. Die Liebe, die sie eingekerkert hatte und glaubte besiegt zu haben, war zurückgekehrt. Sie hatte die Mauer durchbrochen, hinter der sie gefangen gewesen war.
Anfang Januar standen sich Katja und Gisa in deren Küche, getrennt durch den großen Küchentisch, gegenüber.
„Ich mache nicht deine Ehe kaputt!“, erklärte Gisa mit fester Stimme. „Deine Kinder brauchen dich!“ Katja nickte; sie rechnete es Gisa hoch an, so selbstlos zu sein.
Wochen wurden zu Monaten. Sie lebten zunehmed Nähe, tauschten Zärtlichkeiten aus und küssten sich. Sie gingen jedoch nie den nächsten Schritt. Für Katja war es jedes Mal ein Akt, der einer inneren Vergewaltigung glich. Ein halbes Jahr später wurde sie krank. Sie war nervlich am Ende.
„Ich kann das nicht mehr! Ich kann nicht immer die Bremse anziehen, wenn ich dir ganz nah sein möchte, dich ganz fühlen möchte. Es fühlt sich wie ein Verrat an unserer Liebe, einem Verrat mir selbst gegenüber an.“ Verzweifelt schaute sie Gisa an. Diese blickte schweigend auf sie und entgegnete mit sanfter Stimme:
„Ich möchte das auch nicht mehr“, und lächelte.
Es schien ein Damm zu brechen und Gefühle freizusetzen, für die es keine Worte gab. Es floss eine Liebe, die eine nicht zu benennende Tiefe in sich trug und nicht von dieser Welt zu sein schien. Katja horchte in sich hinein, was ihre Ehe mit Mick betraf. Da war kein schlechtes Gewissen, keine Scham. Mick und sie lebten schon längere Zeit nur noch wie gute Freunde in einer gut funktionierenden Wohngemeinschaft miteinander. Katja schüttelte innerlich den Kopf. Nein, aus ihrer Sicht war es kein Betrug.
Und sie gab sich dem hin, was in ihr erwachte. Sie erlebte eine tiefe, zeitweise telepathische Verbindung, eine Nähe, ein Einssein. Oft verschwammen die Grenzen zwischen ihnen, sodass Katja nicht mehr sagen konnte, wo sie aufhörte und Gisa anfing. Alles schien ein einziges Sein, ein verschmolzenes Energiefeld, in dem es kein Ich und Du, sondern nur noch ein WIR gab. Katja fühlte ganz klar:
Gisa war DER Mensch, auf den sie ihr Leben lang unbewusst gewartet hatte!
Die kommenden Monate und ja, auch Jahre waren für Katja von einem Balanceakt zwischen Familie und tiefer Beziehung geprägt. Er war kräftezehrend und erschöpfend. Katja hatte ständig Angst, dass alles ans Licht kam. Sie hatte Angst davor, von ihrer Familie zum Teufel gejagt zu werden. Angst davor, verhöhnt, beleidigt und verachtet zu werden. Angst davor, mittellos dazustehen. Dann, an einem Samstag, bekam Katja plötzlich asthmatische Beschwerden. Und sie wusste: Jetzt ist der Tag da, vor dem sie sich so lange gefürchtet hatte. Es gab keinen Weg zurück. Ein tiefer Frieden erfasste sie. Sie offenbarte sich Mick, ihren Kindern, ihrer Mutter und ihrer Schwester. Keiner von ihnen verurteilte oder verachtete sie.
Gisa und Katja planten eine gemeinsame Zukunft. Doch nach einiger Zeit fing Gisa an, sich zurückzuziehen.
„Ich habe das Gefühl, ich verliere mich in unserer Beziehung, verliere mich in uns. Es ist so tief, so intensiv. Manchmal weiß ich nicht mehr, wer ich eigentlich bin. Ich habe das Gefühl, du kennst mich besser als ich mich selbst. Das macht mir Angst“, gestand sie Katja und trennte sich.
Katja fiel. Der Boden unter ihren Füßen war verschwunden. Sie stürzte in eine Dunkelheit, in der es kein Licht, keine Gefühle gab. Innerlich wie tot, funktionierte nur noch.
Nach einiger Zeit nahm eine gute Freundin Katja mit zu einem spirituellen Treffen. Gloria, die Gastgeberin, betrachtete Katja und nickte verstehend. Sanft nahm sie sich an diesem Nachmittag ihrer an, hörte zu und gab dem Schmerz Raum, der sich nun seinen Weg ins Außen bahnte. Gloria empfahl Katja ein Buch über das innere Kind. Als Katja es las, schienen Schleier zu fallen, die den tiefen Sinn hinter dem augenscheinlichen Geschehen verborgen hatten. Gisa, so wurde ihr bewusst, war in ihr Leben getreten, damit Katja den Weg zurück zu sich selbst fand. Gisa hatte sie erkennen lassen, wer und was sie wirklich war. Welche tiefen Verletzungen sie in sich trug, die dazu beigetragen hatten, dass sich Teile ihrer Seele abgespalten und eingekerkert hatten – jene Teile, die den Schmerz in sich trugen, damit sie weiterleben konnte: die sogenannten inneren Kinder.
Katja begann zu meditieren. Sie machte sich leer und sank tief in ihren Körper. Sie ließ sich führen, ohne zu wollen. Bilder tauchten auf. Dunkle, höhlenartige Gänge, die lediglich von dem schwachen Licht einzelner Wandfackeln spärlich beleuchtet wurden. Katja durchschritt langsam einen der Gänge. Hinter einer Biegung entdeckte sie eine Art Zelle, die mit einer schweren Gittertür verschlossen war. Als Katja durch die Gitterstäbe schaute, sah sie in einer Ecke eine kleine Person kauern. Sie öffnete die Tür und betrat den fast vollkommen dunklen Raum. In der Ecke saß ein kleines Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Katja ging auf sie zu und berührte es ganz sanft an der Schulter. Das Mädchen drehte sich um und schaute ungläubig zu Katja hoch.
„Bist du es wirklich?“, fragte es zögernd. „Ich habe sooo lange auf dich gewartet.“
Katja stiegen die Tränen in die Augen. Sie WUSSTE: Das bin ich!
„Ja, ich bin es wirklich“, entgegnete sie sanft, „und jetzt hole ich dich hier raus. Möchtest du nach Hause kommen? Ich habe dich unendlich vermisst.“
Das kleine Mädchen sprang auf. Katja nahm es in die Arme, hielt es ganz fest.
„Nun brauchst du keine Angst mehr zu haben. Ich werde dich beschützen.“
Nach einer Weile tiefer, inniger Umarmung floss das Mädchen in sie hinein. Katja spürte die kindliche Freude in sich. Sie lächelte. Als sie sich umschaute, waren die dunklen Gänge verschwunden. Sie stand im Sonnenschein auf einer Wiese. Das Kind in ihr jauchzte und lachte.
Dann kehrte Katja aus der Meditation zurück.
„Das war ja abgefahren!“, sagte sie laut zu sich selbst.
In der kommenden Zeit meditierte Katja fast täglich, und sie fand weitere Aspekte ihres Seins. Sie spürte, wie sie sich veränderte. Es kehrte mehr innerer Frieden ein. Dinge, die sie früher oft ängstigten, hatten keine Macht mehr über sie.
Es waren die ersten Schritte, der Beginn des Weges zu sich selbst, hinein in ein Erwachen, ein Bewusstsein, in dem noch sehr viel Wundervolles auf sie wartete.
Gisa hatte sie aus den Verwirrungen ihres Lebens zurück auf den Weg zu sich selbst geführt. Die ersten Schritte auf dem Weg ins eigene Erwachen, denen noch viele folgen sollten.
Katja empfand tiefe Liebe und Dankbarkeit bei dieser Erkenntnis. Welch großes, wunderbares Geschenk hatte Gisa ihr gemacht.
Unendliche Dankbarkeit durchströmte sie.
copyright 05/2026 by Karin Cimander





Kommentare