Die Dankbarkeits-Challenge (aus der Reihe "Körperuniversum")
- Karin Alana Cimander

- 18. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 7 Tagen
Laura war erstaunt. Erst vor sieben Tagen hatte sie mit der 28-Tage-Dankbarkeits-Challenge begonnen, zu der ein bekannter Sänger, Songwriter und Buchautor alle Interessierten online aufgerufen hatte und die er täglich live begleitete. An jedem Tag gab es eine neue Aufgabe. Laura spürte schon jetzt, dass sich etwas in ihr veränderte. Sie fühlte sich leichter, freudvoller. Morgens startete sie mit guter Laune und voller Energie in den Tag. Erwartungsvoll, was der Tag ihr schenken würde.
An allen 28 Tagen bestand die Aufgabe darin, täglich zehn Dinge aufzuschreiben, wofür man dankbar war, und dies auch zu begründen. Jeden Satz sollte man sich anschließend selbst laut vorlesen, einen Moment innehalten und die Dankbarkeit fühlen.
Zu Beginn waren es Dinge, die Laura besaß, die sie umgaben und die Berücksichtigung fanden. Ihr Auto, das ihr ermöglichte, spontan schöne Ziele zu erreichen. Ihre Wohnung, die sie vor Kälte und Wärme schützte. Auch ihr wundervoller Körper schob sich ihr ins Bewusstsein. Beine, mit denen sie laufen, springen und tanzen konnte. Augen, die ihr ermöglichten, all die wundervollen Dinge des Lebens sehen zu können, die sie umgaben. Hände, die greifen, berühren, fühlen und streicheln konnten. Immer intensiver wurde ihr bewusst, wie unermesslich wertvoll die sogenannten Kleinigkeiten waren, die oft als selbstverständlich hingenommen wurden.
Ab dem zweiten Tag gab es täglich wechselnde, zusätzliche Aufgaben. Beispielsweise sollte man morgens, direkt nach dem Erwachen, für alles, was man berührte, DANKE sagen.
Die Bettdecke zurückschlagen – DANKE.In die Hausschuhe schlüpfen – DANKE.Die Schlafzimmertür öffnen – DANKE.Die Badezimmertür öffnen – DANKE.Den Zahnputzbecher zur Hand nehmen – DANKE, usw.
Das Ganze durfte so lange praktiziert werden, bis man das Haus verließ. Unterstützend hilfreich, um diese Tages-Challenge zu beenden, war beispielsweise das Herausbringen des Mülls.
An einem anderen Tag beschenkte man Menschen, die im Dienstleistungsbereich tätig waren und denen man begegnete, mit „Dankbarkeitsstaub“. Busfahrer, Paketboten, Kassierer, Taxifahrer, Feuerwehrleute, Polizeibeamte, Krankenschwestern, Briefträger, Bauarbeiter und viele andere wurden von Laura mit Dankbarkeitsstaub beschenkt. Wie eine Fee rieb sie Daumen, Zeige- und Mittelfinger zusammen und stellte sich vor, wie der Staub auf die jeweilige Person fein und sanft niederrieselte. Es entlockte ihr jedes Mal ein Lächeln.
Eine weitere schöne Aufgabe war, sich vier Personen aus seinem Umfeld auszusuchen, von diesen Fotos auszudrucken oder ausdrucken zu lassen und auf die Rückseite jeweils vier Dinge aufzuschreiben, für die man dankbar war, dass dieser Mensch Teil des eigenen Lebens ist, und was man an ihm schätzte. Diese Aufgabe bewegte Laura sehr.
Liebevoll betrachtete sie das Bild ihrer Freundin Andrea. Ein Mensch, der vor vielen Jahren bei einem Seminar in ihr Leben gepurzelt und geblieben war. Es trennten sie mehrere hundert Kilometer, was auf ihre tiefe Verbindung keinen Einfluss hatte. Andrea konnte Laura so nehmen, wie sie war. Verfiel Laura bei einem Telefonat in einen Redeschwall, hörte Andrea aufmerksam, geduldig und liebevoll zu. Nie war es ihr zu viel. Es gab keine Kritik, nur konstruktive, unterstützende Hinweise, die Laura oftmals Dinge in einem anderen Licht sehen ließen.
Glück, Liebe und unendliche Dankbarkeit für das Sein der vier Menschen in ihrem Leben durchströmten sie den ganzen Tag, da sie die Fotos, der Aufgabe entsprechend, gut sichtbar aufgestellt hatte.
Als Laura an einem anderen Tag die Challenge morgens hörte, schüttelte sie widerwillig den Kopf.
An diesem Tag bestand die Herausforderung darin, sich eines Menschen bewusst zu werden, mit dem man kein gutes Verhältnis hatte. Jemand, mit dem man vielleicht im Streit lag, zu dem der Kontakt abgebrochen war, weil unschöne Dinge in der Vergangenheit geschehen waren usw. Es konnte auch jemand sein, der schon verstorben war. Die Challenge bestand darin, zehn Dinge aufzuschreiben, wofür man dankbar war, dass dieser Mensch Teil des eigenen Lebens ist oder war.
Laura hatte sofort an ihren Vater gedacht. Ein cholerischer, lauter Mann, vor dem sie sich als Kind oft ängstigte, zu dem sie nie eine gute Beziehung hatte.
„Das geht überhaupt nicht!“, stieß sie wieder aus, schleuderte das Eintragbuch auf den Tisch und spürte, wie alter Groll aufstieg. Der erste Impuls war, sich eine andere Person auszusuchen. Ein innerer Drang jedoch sagte ihr, dass dies jetzt wichtig war.
Laura stöhnte leise auf, nahm das Buch, in das sie seit Beginn der Challenge zu schreiben begonnen hatte, wieder zur Hand und öffnete es, noch etwas widerwillig. Gedanken stiegen auf. Geschehnisse der Vergangenheit. Wieder schüttelte Laura abwehrend den Kopf, und es dauerte eine Weile, bis das Gedankenkarussell in ihr sich langsamer drehte und sie beginnen konnte, in die Challenge einzutauchen.
Und plötzlich – begann sie zu schreiben.
Als sie 15 Jahre alt war, hatte sie während einer Regelblutung sehr starke Bauchschmerzen gehabt. Schmerzmittel und eine Wärmflasche auf dem Bauch halfen nur wenig. Ihr Vater war zu Hause gewesen. Er hatte sich auf die Bettkante gesetzt, ihre Hand gehalten und sie gestreichelt. Plötzlich konnte sie seine damalige Hilflosigkeit spüren, seine Zuneigung und Weichheit, die sie so von ihm nicht kannte.
Laura lächelte beim Niederschreiben und spürte, wie Dankbarkeit in ihr aufstieg und die erste Träne über ihre Wange rollte. Weitere Momente stiegen auf. Ihr wurde bewusst, wie viele vergessene Geschenke es zwischen ihr und ihrem Vater gab. Tief berührt schrieb und schrieb sie. Tränen rannen unaufhörlich über ihre Wangen. Es waren Tränen der Dankbarkeit.
Als Laura das Buch schloss und zur Seite legte, schien eine Last von ihr abgefallen zu sein. Sie konnte ihren Vater nun mit ganz anderen Augen sehen.
Die 28-Tage-Dankbarkeits-Challenge hinterließ Spuren. Spuren eines neuen Bewusstseins. Spuren bisher nicht gekannter tiefer Dankbarkeit, Freude und Leichtigkeit.
Den Dankbarkeitsstaub verteilte sie auch weiterhin. Erhielt sie ein Päckchen, bedankte sie sich bei dem Boten für das Bringen. Soweit es möglich war, kommunizierte sie ihre Dankbarkeit, was sich positiv auf das Gegenüber auswirkte. Die Menschen fühlten sich gesehen, wertgeschätzt für das, was sie taten und dankten es oft mit einem Lächeln.
Es machte Laura glücklich – sie war dankbar, wenn sie DANKE sagen konnte.
Copyright 08/2026 by Karin Cimander





Kommentare