Ungeahnte Freiheit (aus der Reihe "Körperuniversum")

Aktualisiert: 26. Aug.
Elsa stand auf dem Balkon des Hotelzimmers und genoss den weiten Blick. Es war ein überwältigendes Gefühl! Die Sonnenstrahlen tanzten auf der Wasseroberfläche des Ozeans und verwandelten ihn in einen glitzernden Teppich aus Licht. In der Ferne war ein Segelschiff zu sehen, klein wie Spielzeug, dessen Segel im Licht der langsam untergehenden Sonne rot leuchteten. Elsa seufzte glücklich. Was für ein wundervoller Ausblick! Frieden und Dankbarkeit breiteten sich in Elsa aus, und sie lächelte. So viele Jahre hatte sie sich derartige Erfahrungen versagen müssen.
Noch bis vor einer Woche wäre es undenkbar gewesen, auf einem Balkon in der fünften Etage zu stehen. Ihr ganzes Leben hatte sie unter Höhenangst gelitten. Balkone, freie Treppen, die Fahrt mit einer Seilbahn, die Besichtigung von Türmen – all diese Dinge hätten Todesängste in ihr ausgelöst. Doch nun – nun war alles gut! Elsa hätte es nie für möglich gehalten, wie wunderschön so ein Blick in die Weite war. Einfach unbeschreiblich!
Vor zehn Tagen hatte sie durch ihre Freundin Jette eine Frau kennengelernt. Sie arbeitete als Energetikerin. Eines ihrer Spezialgebiete war die Transformation von Phobien. Dabei wandte sie eine Methode an, die fast phobia cure hieß und ihren Ursprung im NLP, dem Neuro-Linguistischen-Programmieren, hat.
Ihr ganzes Leben war Elsa von ihren Ängsten beeinflusst worden. Wenn es eine Möglichkeit gab, diese zu verändern, wollte sie sie ergreifen, obwohl sie mehr als skeptisch war. Jette hatte ihr jedoch versichert, dass das Ganze erstaunlich leicht und spielerisch geschah.
Drei Tage später saß Elsa erwartungsvoll in der Praxis von Frau Schneider, der Energetikerin.
„Wissen Sie“, begann diese, fast phobia cure gründet auf der Tatsache, dass, wo etwas ist, nichts anderes sein kann. Das ist eigentlich Physik“, lächelte sie. „Was wir gleich versuchen werden, ist, das Angstmachende zu entfernen und durch etwas Schönes, Positives zu ersetzen. Dabei müssen Sie keine alten, emotionalen Erfahrungen erneut durchleben. Sind Sie bereit?“ Elsa nickte.
„Kommen Sie, lassen Sie uns nach nebenan gehen.“ Frau Schneider erhob sich und öffnete die Tür zu einem Raum, in dem sich kein Mobiliar befand. Lediglich ein paar Yogamatten, Kissen und Decken lagen in einem kleinen Regal.
„Stellen Sie sich mir gegenüber, so etwa eineinhalb Meter entfernt“, bat Frau Schneider. „So, und jetzt lassen Sie kurz Ihre Höhenangst aufsteigen. Wo fühlen Sie sie in Ihrem Körper?“
Spontan legte Elsa eine Hand auf ihren Brustkorb.
„Okay, möchten Sie sie loswerden? Darf ich sie mir nehmen?“
Elsa nickte. Frau Schneider machte eine Vorwärtsbewegung, griff mit beiden Händen in Richtung von Elsas Brustkorb und zog sich mit einem Geräusch, das sie mit ihrem Mund erzeugte und einem Saugton glich, zurück. Ihre Hände schienen von oben und unten einen unsichtbaren Gegenstand zu halten. Elsa schaute auf die Leere, die sich jedoch ziemlich gruselig anfühlte.
„Ist nun alles bei mir, oder ist etwas noch bei Ihnen?“, fragte Frau Schneider, die Elsa keinen Augenblick aus den Augen ließ.
„Nein, es ist alles bei Ihnen“, bestätigte Elsa in sich hineinfühlend. Das war echt verrückt!
„Okay, schauen Sie genau hin. Welche Farbe hat es?“
„Schwarz“, entgegnete Elsa spontan und schüttelte sich leicht.
„Okay, was ist Ihre Lieblingsfarbe?“
„Grün.“
„Helles oder dunkles Grün?“
„Helles Grün, so mintfarben.“
Frau Schneider griff mit einer Hand nach oben, in ein unsichtbares Regal, ergriff eine unsichtbare Tube und spritzte die Farbe auf das unsichtbare, schwarze Nichts. Begleitet wurde das Ganze mit dem Geräusch eines Behälters, aus dem der Inhalt inklusive Luftbläschen herausgedrückt wurde. Anschließend verteilte Frau Schneider die Farbe auf dem unsichtbaren Objekt.
„Ist es genug, oder braucht es noch mehr?“
„Noch ein wenig vielleicht.“
Frau Schneider wiederholte den Vorgang. Auf diese Weise wurden anschließend die Form, der Klang, der Geruch und der Geschmack gewandelt, immer mit Elsas Lieblingsaspekten. Jede Veränderung wurde von einem entsprechenden Geräusch begleitet.
Frau Schneider beobachtete Elsa sehr genau, beobachtete ihre Gesichtsmimik und reagierte jedes Mal anpassend und ausgleichend.
Es war wirklich verrückt! Das zuvor gruselige Unsichtbare wandelte sich mehr und mehr in etwas Schönes, in keiner Weise Bedrohliches.
„So, nun habe ich hier etwas Mintgrünes, mit Silberglitzer bestreutes, nach Rosen Duftendes, nach Erdbeeren Schmeckendes, sich nach Klaviermusik Anhörendes. Wollen Sie es wieder haben?“
Das unsichtbare Nichts – es fühlte sich toll an! Elsa konnte es kaum glauben.
„Ja“, entgegnete sie erfreut.
Frau Schneider machte einen Schritt auf Elsa zu und gab ihr die transformierte Energie, die ein Gesicht bekommen hatte, begleitet von einem entsprechenden Geräusch, in den Brustkorb zurück.
Elsa konnte spüren, dass da etwas in sie einschloss, und es fühlte sich gut an! Echt verrückt, dachte sie.
Und nun, nun stand sie im fünften Stock auf einem Hotelbalkon und genoss zum ersten Mal in ihrem Leben ein bisher unbekanntes Gefühl der Befreiung.
copyright 08/2026 by Karin Cimander





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