Das Geschenk der 1000 Tode (aus der Reihe "Körperuniversum")
- Karin Alana Cimander

- vor 4 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 23 Stunden
Noah stand wie erstarrt vor dem voluminösen Teakholzschreibtisch seines Chefs. Er traute sich kaum zu atmen. Herr Kramer, ein sehr korpulenter Mann in grauem Anzug, etwa Mitte sechzig, blickte mit zusammengekniffenen Augen auf Noah, wie eine Spinne, die ihre Beute fixiert. Seine dicken, fleischigen Finger ruhten auf dem aufgequollenen Leib. Er genoss die Situation sichtlich, kostete jede Sekunde seines vor Angst erstarrten Mitarbeiters aus, indem er immer wieder Sprechpausen einlegte.
„Herr Münch, wie gesagt, Sie wurden gestern von einem Ihrer Kollegen mit einem Mann in einer sehr vertrauten Weise gesehen.“
Noahs Ohren nahmen eine rote Farbe an und er begann zu schwitzen. Angst stieg auf. Eine Angst, die ihn schon sein ganzes Leben lang begleitete. Die Stimme des Vorgesetzten bekam einen schneidenden, bedrohlichen Ton. „Sie wissen, wie ich über so ein … unnatürliches Verhalten denke. Ich dulde keine Mitarbeiter mit einem derart krankhaften Verhalten in meiner Firma, und es ist mir vollkommen egal, was der Gesetzgeber dazu sagt. Also, was haben Sie dazu zu sagen?“
Noah spürte die homophobe Aversion sich im Raum ausbreitend. Er stand regungslos da, außerstande, auch nur ein Wort herauszubekommen. Er schluckte mehrmals, um den Kloß im Hals zu vertreiben. Wieder einmal, wie schon so oft in seinem Leben, wurde er wegen seiner sexuellen Orientierung angefeindet. Er hatte das Gefühl, an einem Abgrund zu stehen, der ihn in die Tiefe reißen und verschlingen wollte. Das Gefühl vollkommener Ohnmacht lähmte ihn, ließ ihn zu einer Statue erstarren.
„Herr Kramer“, begann er nach einiger Zeit mühsam mit zitternder Stimme, bemüht, nicht vollkommen die Fassung zu verlieren, „ich versichere Ihnen, dass gestern, das war nur ein sehr guter, langjähriger Freund“, log er. „Wir sind uns sehr nah, fast wie Zwillinge, und hatten uns lange nicht gesehen“, brachte er stockend hervor.
Wieder einmal, wieder einmal verleugnete er sich selbst, sich und andere, weil er keinen anderen Weg sah. Es fühlte sich jedes Mal wie Aufgeben, wie Sterben an.
Herr Kramer betrachtete Noah eine Weile skeptisch.
„Nun gut. Ich kann im Moment nicht das Gegenteil beweisen. Sollte sich jedoch herausstellen, dass es sich anders verhält, werde ich Wege und Mittel finden, dass Sie diese Firma verlassen müssen. Das wissen Sie.“ In den letzten Worten schwang ein bedrohlicher Unterton. Noah nickte. „Sie können gehen. Ich werde Sie jedoch im Auge behalten.“
Als Noah ein paar Stunden später seine Wohnungstür aufschloss und erschöpft in einen Sessel sank, ließ die innere Anspannung langsam nach. Sein ganzes Leben war geprägt von derartigen Momenten.
Damals, als er in die Schule kam und vergessen hatte, Mamas Lippenstift abzuwischen. Alle hatten ihn gehänselt und „Mädchen“ und „Schwuli“ genannt und ihn herumgeschubst. Noah fühlte sich hilflos, erstarrt, ohne einen Ausweg zu sehen. Später wurde er immer wieder verprügelt, mit Dreck beworfen, verhöhnt und beleidigt. Er lernte, zu verschleiern und abzustreiten, wer und was er war, weil es ihn zur Zielscheibe der anderen machte. Immer und immer wieder verleugnete er sich, fühlte er sich dem Geschehen machtlos ausgeliefert, erstarrt und ohne einen Ausweg. Jedes Mal starb ein Teil von ihm.
Er bemerkte nie die Lichtgestalt, die jedes Mal neben ihm stand und ihm die Hände hilfreich entgegenstreckte. Eine leuchtend helle, große Lichtpräsenz mit hellen, liebevollen Augen. Sie war jedes Mal an Noahs Seite, bereit, ihn zu unterstützen.
An diesem Abend ging Noah erschöpft früh zu Bett, konnte jedoch nicht einschlafen und wälzte sich hin und her. Seine Gedanken an das Geschehene des Tages und die Angst stiegen immer wieder auf. Er wollte seinen Job nicht verlieren, sah jedoch nur den Ausweg, sich weiterhin hinter dem zu verstecken, was andere als normal bezeichneten. Sein Leben lang spielte er eine Rolle, von der er glaubte, sie sei die Rolle seines Lebens und nicht mehr veränderbar.
Dabei hatte es vor einem Monat so schön begonnen, als er Mirko kennenlernte. Sie verstanden sich auf Anhieb. Endlich fühlte Noah wieder Leichtigkeit, Freude und ja, auch Leben in sich. Ein leises Gefühl, eine Ahnung, dass dies sein Leben war, stieg auf. Er spürte: Das war echt, das war real und fühlte sich richtig an. Der heutige Tag hatte alles wieder zunichtegemacht. Würde auch diese Beziehung wieder an Noahs gefühlter Ausweglosigkeit scheitern? Angst umschloss seine Brust wie ein Eisenpanzer und er bekam kaum Luft.
„Ich kann nicht mehr!“, stöhnte Noah laut auf, „ich will so nicht mehr leben!“
Bereit, sein Leben hier und jetzt zu beenden, ließ er los, ließ sich fallen, gab sich hin in ein Nichts. Er hatte das Gefühl, in die Tiefe zu sinken. Je tiefer er sank, desto leichter fühlte es sich an.
In diesem Moment spürte er eine Präsenz im Raum. Er richtete sich auf. Neben seinem Bett stand eine ― Gestalt? ― oder was war das? Sie war riesengroß und leuchtete in einem goldgelben, warmen Licht. Ihre Augen strahlten Noah liebevoll an. Noah schluckte. Träumte er? War er tot?
„Wer bist du und was willst du von mir?“, fragte er zögerlich. Komischerweise verspürte er keinerlei Angst, im Gegenteil. Ein Gefühl von Geborgenheit umschloss ihn.
„Du hast gerufen und ich bin hier, um dir zu helfen, Noah. Jedes Mal, wenn du das Gefühl hattest, an einem Abgrund zu stehen, jedes Mal, wenn du erstarrt warst und keinen Ausweg sahst, die Tausende Male, als du das Gefühl hattest zu sterben, war ich an deiner Seite und habe dir meine helfenden Hände entgegengestreckt. Du konntest mich jedoch nicht wahrnehmen.“
„Und wieso kann ich es jetzt?“
„Weil du jetzt bereit bist loszulassen.“
Noah ließ das Gesagte auf sich wirken und betrachtete das Wesen eine Weile, bevor er entgegnete:
„Und wie soll das gehen? Wie kann ich mein Leben ändern?“
„Wenn DU wirklich bereit bist, zeige ich dir, was du noch sterben lassen musst. Erst wenn du bereit bist loszulassen, ohne erkennen zu können, wohin es dich führt, kann Neues entstehen. Jeder deiner gefühlten Tode war ein Geschenk. Sie trugen die Kraft, auf das zu vertrauen, was noch nicht sicht- und greifbar ist, in sich.“
Die Lichtgestalt lächelte. Es war zwar total verrückt, aber das Ganze fühlte sich für Noah irgendwie gut und richtig an. Und es war, als begannen in ihm kleine Steine aus einer Mauer zu rieseln. Er betrachtete die Lichtgestalt eine Weile. In ihrem Blick lag eine tiefe Liebe.
„Hast du einen Namen?“
„Ja ― ich bin der Tod.“
Noah zuckte erschrocken zusammen.
„In deiner Kultur habe ich zugegebenermaßen keinen guten Ruf, ich weiß. Der Tod ist in eurer Kultur ein Tabuthema, weil er ein Weg ins Unbekannte zu sein scheint. Zu sehr wurde, unter anderem durch religiöse Einflüsse, ein verzerrtes Bild von mir erschaffen, das Angst verbreitet. In anderen Kulturen hingegen werde ich gefeiert und bin sehr willkommen. Dort weiß man, dass ich Menschen dabei unterstütze, das schwere Erdenleben abzulegen, und sie in höhere, lichtvolle Welten, in ihr Zuhause, begleite. Ich bin, seitdem du auf dieser Welt bist, an deiner Seite. Ich werde dich auch begleiten, wenn dein Erdenleben endet, und dich ebenfalls in deine Seelenheimat zurückführen. Während deiner Lebenszeit jedoch bin ich der, der dir die Hand reicht, wenn du es willst, um dich zu unterstützen, ausweglose Situationen als das zu sehen, was sie sind ― Schlüssel zu Türen, hinter denen neue Wege auf dich warten, die dich in deine Kraft und Selbstermächtigung führen, in das Leben, das deiner wahren Bestimmung, deinem wahren Sein entspricht. Weißt du, was die Menschen auf ihrem Weg zurück in die Seelenheimat sagen, wenn ich sie frage, was sie bedauern? Alle bedaueren, nicht wirklich gelebt zu haben. Nicht ihren Visionen, Wünschen und Träumen gefolgt zu sein. Nicht genug geliebt und gelacht zu haben. Nicht ihre Wahrheit ausgesprochen zu haben. Sie haben es sich immer für später vorgenommen. Doch ― Leben findet immer im JETZT statt und nur im JETZT liegt die Kraft für Veränderungen.“
Die Worte berührten Noah tief und er spürte die unermessliche Wahrheit, die in ihnen lag. Dankbar nickte er.
Er war erschöpft, des Kämpfens müde. Er schloss die Augen, ließ los, gab sich hin. Eine befreiende, tiefen Frieden und Liebe in sich tragende Neutralität durchströmte ihn, hülle ihn ein, und ließ ihn nach geraumer Zeit in einen tiefen, traumlosen Schlaf sinken.
Als Noah am nächsten Morgen erwachte, verspürte er eine ihm unbekannte Neutralität, eine emotionale und mentale Windstille, so, als stünde er im Auge eines Hurrikans. Und er WUSSTE: Heute ist DER TAG! DER Tag, vor dem er sich zuvor sein Leben lang gefürchtet hatte. DER Tag, an dem er beginnen würde, seine Wahrheit zu leben, sich selbst zu leben. Die ihn sein ganzes Leben begleitende Angst war verschwunden.
Sein erster Weg führte ihn in das Büro seines Chefs, der ihn mit hochgezogenen Augenbrauen erstaunt ansah. Noah spürte die Hand seines Freundes, dem Tod, in der seinen ruhen und schmunzelte still in sich hinein. Er fühlte sich wie der Beobachter eines Theaterstücks, in dem er gleichzeitig selbst Protagonist war.
„Herr Kramer, ich kündige! Und wissen Sie was? Ja, ich bin schwul und ich möchte auf keinen Fall weiterhin für Sie arbeiten!“
Ohne eine Reaktion abzuwarten, drehte er sich um und verließ selbstbewusst das Büro.
Der Firmeninhaber schaute ihm, mit offenstehendem Mund, keiner Worte fähig, verdutzt nach. Geprägt durch seine homophobe Aversion, stellte er Noah für die Zeit der Kündigungsfrist bezahlt frei. Auf keinen Fall duldete er so einen Menschen weiter in seinem Umfeld!
Noah genoss die kommende Zeit. Die innere Ruhe begleitete ihn weiterhin und ließ ihn achtsam auf das Geschehen und die Möglichkeiten werden, die sich ihm zeigten. Er traf sich mit Mirko jetzt in der Öffentlichkeit, ohne ihre Beziehung zu verschleiern. Gemeinsam saßen sie bei schönem Wetter in gemütlichen Cafés, plauderten und lachten. Noah genoss diese ihm bisher unbekannte Freiheit. Niemand feindete ihn an, weil er selbstbewusst lebte, wer er war. Er fühlte sich angekommen. Angekommen bei sich selbst.
All die Dinge, die er nie zu träumen gewagt hatte, flossen nun in sein Leben.
Copyright 08/2026 by Karin Cimander





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